„Das war eine einmalige Chance“
Phillip Perus ist Experte auf seinem Gebiet. Der 33-Jährige ist Sportwissenschaftler, hat einige Jahre lang selbst American Football gespielt und ist seit zwei 2024 als Strength- und Conditioning-Coach bei den Schwäbisch Hall Unicorns. Er arbeitet mit den Spielern an deren Schnelligkeit, Athletik und Kondition und berät sie individuell beim Krafttraining. Die Erfahrung, die er jetzt Anfang Mai gemacht hat, beschreibt er als „next level“.
Phillip Perus erhielt bei der National Coaching Academy der Tampa Bay Buccaneers tiefe Einblicke in die Arbeit eines NFL-Teams. Die Eindrücke waren enorm. Er selbst bestätigt, dass der Ausdruck „beseelt“ in diesem Zusammenhang absolut passend sei. Rechtzeitig zum ersten Heimspiel der Schwäbisch Hall Unicorns an diesem Samstag gegen die Straubing Spiders ist der in Oberrot aufgewachsene Phillip Perus wieder zurück.
Herr Perus, die Tampa Bay Buccaneers bieten als einziges Team der NFL die National Coaching Academy an, bei der aus mehr als 1.000 Bewerbern 25 ausgesucht werden und diese eine Woche in Florida mit dem Team unterwegs sind. Wie haben Sie von diesem Programm erfahren?
Phillip Perus: Nach unserem Heimspiel in der vergangenen Saison gegen die Munich Cowboys hatte ich mich mit Simon Bramberger, einem der Position Coaches der Cowboys, unterhalten. Er berichtete mir, dass er bei der National Coaching Academy bei den Buccaneers war. Ich war überrascht, dass es so etwas gibt. Auf der Rückfahrt nach München schickte er mir den Link - und ich wusste, dass ich mich bewerben muss.
Wie muss man sich diese Bewerbung vorstellen?
Zunächst war es vergleichsweise Standard, wenn auch umfangreich. Die Buccaneers wollten meinen sportlichen Lebenslauf und verlangten ein Motivationsschreiben, an dem ich rund eineinhalb Wochen gefeilt habe. Zudem hatte ich zwei Empfehlungsschreiben des AFVD-Bildungsreferenten Stefan Maser sowie von unserem Head Coach Felix Brenner angehängt. In der nächsten Bewerberrunde musste ich ein so genanntes One-Way-Interview geben. Drei Fragen wurden eingeblendet und ich antwortete darauf und lud dann meine Antwort hoch. Diese durfte nicht länger als eine Minute sein.
Und dann?
Dann passierte lange gar nichts (lacht). Ende Februar sollte es eine Antwort geben, aber es wurde letztlich Ende März. Ich war relativ entspannt, da ich von anderen gehört hatte, dass sich bei der Auswahl etwas verzögert hatte. Und die Antwort kam genau dann, als wir mit den Unicorns in der Landessportschule Albstadt im Trainingslager waren, also genau dort, wo ich als Dozent arbeite. Ich checkte meine Mails und sah auf einmal die Zusage. Ich musste innerhalb weniger Tage bestätigen, habe das aber natürlich sofort gemacht.
Mit welcher Erwartung sind Sie in die USA geflogen?
Den sportwissenschaftlichen Ansatz hatte ich aufgrund meiner Ausbildung. Ich war daran interessiert, wie die Theorie dahinter bedient wird. Was ich dann erleben durfte, war auf allerhöchstem Niveau! Es war sehr spannend zu sehen, wie die extrem hohe Belastung der Spieler strukturiert gesteuert wird. Und faszinierend war auch, wie diese unfassbar muskulösen Menschen 250 Kilogramm schwere Gewichte wie Kinderhanteln benutzt haben (lacht).
Wie wurden die 25 Coaches dieser National Coaching Academy behandelt?
Unfassbar gut! Sämtliche Coaches waren für uns die ganze Zeit verfügbar. Mit mir war ein weiterer Deutscher dabei: Luca Berdelmann, Defensive Coach bei Rhein Fire. Er konnte viel Zeit in den Büros mehrerer Position Coaches der Buccaneers sitzen und sich mit diesen austauschen. Ich war der einzige Strength und Conditioning Coach, konnte aber auch mit allen reden. Die Offenheit der Coaches hat mich am meisten überrascht. Da gab es keine Geheimnisse und Barrieren, sondern 100 Prozent Transparenz. Beim ersten Training stand auf einmal der General Manager der Buccaneers Jason Licht neben mir und fragte mich „How are you?“ Auch er war völlig entspannt, ich kannte ihn nur aus Dokumentationen, die ich im Fernsehen gesehen habe.
Sie haben nach dieser Woche bei den Buccaneers zwei Tage angehängt, um für sich das Erlebte zu reflektieren. Wie fällt Ihr Fazit aus?
Das war eine einmalige Chance und ein Erlebnis, das mir immer in Erinnerung bleiben wird! Ich habe viele neue Kontakte auf allerhöchstem Niveau knüpfen können und möchte natürlich mit diesen im Austausch bleiben. Und vielleicht darf ich ja noch einmal hin.
Wie ist das möglich?
Von den 25, die jetzt da waren, wählen die Coaches der Buccaneers fünf aus, die dann fünf Wochen während der Pre-Season noch einmal kommen dürfen. Deshalb hatten die Coaches der Bucs auch selbst großes Interesse daran, mit uns zu sprechen. Ich persönlich rechne mir aber keine großen Chancen aus, da ich Strength und Conditioning Cach bin. Die Bucs dürften mehr Interesse an Positionscoaches haben. Sollten sich mich aber wählen, wäre das zwar schade, da ich dann mitten in der Saison nicht bei den Unicorns sein könnte, aber andererseits würde ich für diese Chance ganz sicher unbezahlten Urlaub nehmen.
Zwischen den Tampa Bay Buccaneers, dem zweimaligen Superbowl-Sieger, und den Schwäbisch Hall Unicorns liegen Welten, vor allem in finanziellen Bereich. Woran merkt man das am deutlichsten?
Zum einen an der technischen Ausstattung. Bei den Bucs gibt es beispielsweise Kraftmessplatten. Dort stellen sich die Spieler darauf und es werden verschiedene Dinge gemessen. Anhand der Daten wird entschieden, ob ein Spieler an diesem Tag im Kraftraum weniger Gewicht stemmen muss, damit er sich nicht verletzt. So etwas ist im europäischen Football derzeit kaum denkbar. Was mir auch aufgefallen ist: Es liegen wirklich überall Snacks, Getränke und Proteinriegel herum. Die können sich die Spieler einfach so im Vorbeigehen greifen. Die finanziellen Ressourcen bei den Bucs sind unglaublich. Das Team gehört der Glazer-Familie (die auch eine Mehrheitsbeteiligung am englischen Fußballclub Manchester United hält, Anm. d. Red.) und die haben ein hohes Interesse daran, dass die Bucs erfolgreich sind.
Können Sie aufgrund dieser signifikanten Unterschiede überhaupt etwas von den Bucs auf die Unicorns übertragen?
Es gibt zwar keine Kraftmessplatten, aber Gewichte müssen auch hier gestemmt werden. Es ist psychisch und physisch sehr herausfordernd, eine ganze Saison durchzuhalten. Meine Aufgabe bei den Unicorns besteht ja nicht nur darin, die Spieler fit zu machen, sondern vor allem darin, Verletzungen vorzubeugen. Da kann ich schon einige Übungen anwenden.
Dieses Interview mit Phillip Perus hat Sportredakteur Hartmut Ruffer für das Haller Tagblatt geführt. Vielen Dank für die Möglichkeit, das Interview auf unicorns.de veröffentlichen zu dürfen.