Obwohl Friedemann Hees seit 2018 zum Coaching Staff des GFL-Teams zählt, ist er an der Unicorns-Seitenlinie nie zu entdecken. Sichtbar wird sein Werk erst später - in Form von Stats, Tabellen und Diagrammen. Die Geschichte über einen Zahlen-Nerd, der mit seinen Daten einen in Europa einzigartigen Beitrag zum Teamerfolg leistet.

 

Wenn im Optima Sportpark nach einem Gameday die Lichter ausgehen, die Spieler längst geduscht sind und die Fans bereits vom letzten Touchdown träumen, sitzt Friedemann Hees zuhause vor seinem Rechner und lässt das Spiel auf seine ganz eigene Art Revue passieren. Dann wandern Tausende von Zahlen und Informationen von Hees’ Tablet in seinen Computer und werden dort mit dem Video des Spiels synchronisiert. Der Analytics Coach hat in diesen regelmäßigen Nacht-und-Nebel-Aktionen ein Ziel vor Augen, bevor er um drei oder vier Uhr morgens zufrieden ins Bett gehen kann: „Wenn Jordan aufsteht, sind alle Spielzüge bereits auf Hudl.“

 

Jordan Neuman, der am nächsten Morgen das mit reichlich Daten bestückte Filmmaterial auf der Videoplattform Hudl vorfindet, ist jedes Mal überwältigt, wenn er direkt mit dem Kommentieren der Spielzüge beginnen kann. „Wir können uns sehr glücklich schätzen, Friedemann in unserem Coaching Staff zu haben. Er macht das Leben für uns anderen Coaches so viel einfacher“, so der Head Coach, der seit 2018 auf Hees’ Unterstützung zählen kann. Zuvor hatte der Langener nahe seiner Heimat bei den Wiesbaden Phantoms den Statistik-Bereich verantwortet - und das für fast ein Jahrzehnt.

 

Nachdem Friedemann Hees 2009 erste Coaching-Erfahrung beim Fünftligisten Langen Knights sammelte, erhält er ein Angebot aus der hessischen Landeshauptstadt: „Der Offensive Coordinator der Phantoms suchte jemanden, der beim Spiel die Plays mitschreibt. Da ich ein recht zahlenorientierter Mensch bin, dachte ich mir: Warum nicht!“, erzählt Hees, dessen Football-Karriere damit seinen Lauf nimmt. Sind es zu Beginn nur Versuch und Distanz der Offense, welche er während der Spiele notiert, kommen immer neue Elemente hinzu: Play-Kategorie, Line of Scrimmage, Raumgewinn, Resultat des Spielzugs. Hees beginnt, sein eigenes Excel-Formular zu bauen, was er kontinuierlich optimiert.

 

Er entwickelt zudem eine Affinität für den Videobereich - anfangs werden die Spiele dabei noch auf DVD gebrannt -, er entdeckt den Touchscreen für die Eingabe während des Spiels für sich und kann Daten und Video schließlich auf Hudl zusammenführen. „Am Anfang war die Dateneingabe noch händisch. Aber als Hudl den Upload via Excel ermöglicht hat, war ich den glücklichste Mann“, so Friedemann Hees lächelnd, der mittlerweile ein solcher Spezialist ist, dass er manchmal gar in direktem Austausch mit den Hudl-Verantwortlichen steht, um die Plattform noch besser zu machen.

 

„Deutscher Meister - das hätte ich mir nie träumen lassen!“

 

Die Geschichte vom „Hudl-Guru“ kommt auch Johannes Brenner zu Ohren. Als Primo Lursini, der zur Saison 2018 als Linebacker-Coach zu den Unicorns stößt, von Hees schwärmt und durchblicken lässt, dass sein ehemaliger Phantoms-Kollege nach einem Umbruch in Wiesbaden ebenfalls nach einer neuen Herausforderung sucht, wird der Defensive Coordinator hellhörig. Es kommt zu einem Treffen, bei dem Friedemann Hees seine Arbeit präsentiert. „Bis man es selbst gesehen hat, glaubt man es kaum, was Friedemann aus einem Spiel bestehend aus Hunderten Videosequenzen analysiert und in Tabellen und Schaubildern visualisiert“, ist Jonny Brenner sofort angetan und sich mit Jordan Neuman einig: „Wir wollen dich haben!“

 

Auch der Umworbene braucht wenig Bedenkzeit. „Viel besser wird’s nicht“, denkt sich Hees und weiß eineinhalb Jahre später, dass er mit seiner Entscheidung für die Unicorns goldrichtig liegt. „Ich bin in einer Sportart deutscher Meister geworden - das hätte ich mir nie träumen lassen! Dazu kommt, dass die Unicorns eine echte Familie sind - und zwar vom Zeugwart bis zur Dame, die mir vor dem Spiel einen Kaffee ausschenkt.“ Besonders reizen Hees die Probleme, die es regelmäßig zu lösen gilt: „Die Unicorns-Coaches haben eine unglaubliche Expertise und fordern mich immer wieder heraus und wir finden gemeinsam eine Lösung. So entwickeln wir uns immer weiter.“

 

Doch in der Zusammenarbeit mit des Trainern sind es nicht nur die Zahlen, die den Statistik-Fachmann begeistern: Auch das Football-Insiderwissen saugt er auf. „Von Taktik und Strategie hatte ich zu Beginn null Ahnung“, blickt Hees zurück, der 1989 seinen ersten Super Bowl sieht und daraufhin zum Fan des Ledereis wird. Später spielt er etwas Flag-Football „just for fun“ und ist Inhaber einer Dauerkarte für die Galaxy in Frankfurt, wo der Hesse auch arbeitet: Für den Computer-Hersteller Dell betreut er das Consumer Pricing. „Wir sorgen dafür, dass Laptops und Desktop-PCs in Europa zu vernünftigen Preisen angeboten werden“, erläutert Friedemann Hees seine Tätigkeit, von der auch für seinen Football-Job profitiert. „Ich bin generell ein analytischer Typ; Zahlen lesen und interpretieren - das liegt mir. Aber meine Erfahrung bei Dell hat mir schon sehr geholfen, eine ähnliche Struktur aufzubauen.“

 

Ruhige Typen, emotionale Typen - und Zahlen-Nerds

 

Blickt man auf das Pensum, das der Analytics Coach bewältigt, gleicht das Hobby allerdings eher einem Zweitjob: Zehn bis 15 Stunden verbringt Hees pro Woche auf Hudl, im vergangenen Jahr hat er 9.000 Fahrtkilometer in die Unicorns investiert. Warum sich das alles lohnt? „Manchmal ist es anstrengend, aber eigentlich gibt es nichts Schöneres als im Sommer Football zu schauen und ein paar Daten zu sammeln“, sagt Hees, für den American Football ein „grandioser Sport“ ist, weil jeder etwas zum Erfolg beitragen kann. „Dicke und Dünne, Kleine und Große. Auch auf Coaches-Seite ist das so: Es braucht ruhige und emotionale Typen - und Zahlen-Nerds!“ Er ergänzt: „Die Unicorns arbeiten auf einem absoluten Toplevel - ich bin dankbar, für den besten Coaching Staff Europas arbeiten zu dürfen, da kann man nicht sagen: Ich bin müde und mache das erst morgen.“

 

Im Mittelpunkt steht die statistische Erfassung aller Unicorns-Spiele, das Statistik-Blitzlicht und die nachgelagerte Zusammenführung mit dem Videomaterial. In Hees’ Aufgabenbereich liegt aber auch das Gegnerscouting, bei dem das Organisieren des Filmmaterials und die Anreicherung mit Daten eine besonders wichtige Rolle spielen, um damit die Trainings für die anderen Coaches vorzubereiten. „Dank Friedemanns Analysen können wir uns auf Football konzentrieren. Er ist zwar nie im Training mit dabei, aber spielt für uns Woche für Woche eine absolute Hauptrolle“, betont Jordan Neuman. Der Head Coach ist sich sicher: „Friedemanns Arbeit ist nicht nur in Europa einzigartig, sondern wäre es auch in den USA.“

 

Samstag Hildesheim, Sonntag Berlin

 

Einzigartig ist auch Hees’ Einsatz an spielfreien Wochenenden. Um Gegner vor Ort zu scouten, fährt er durch die ganze Republik und kann bereits mit der Datenerfassung beginnen - dann reduziert sich die Arbeit zuhause vor dem Rechner pro Spiel immerhin auf eineinhalb Stunden. Samstag Hildesheim (gegen Braunschweig), Sonntag Berlin (gegen Köln) - „ich mache solche Touren sehr gerne, um mir ein Bild von den Gegnern zu verschaffen. Für die Playoffs ist natürlich besonders der Norden für uns interessant.“

 

Im Hinblick auf die Postseason verspricht er: „Wir werden statistisch gesehen keinen Stein unumgedreht lassen.“ Das gilt sowohl für das Gegner-Scouting als auch für die Analyse des eigenen Teams: Was lief bislang gut, wo ist noch Luft nach oben? Sehr wahrscheinlich, dass Friedemann Hees dafür wieder des Öfteren vor seinem PC Platz nimmt, wenn die anderen längst schlafen.

 

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